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Auch das noch:
PISA stellt die Führungsfrage


Welche Führungskultur lässt junge Menschen erfolgreich lernen? Zu PISA 2025 kam mir der Gedanke, wie hoher Anspruch, Zuwendung und Zugehörigkeit zusammenwirken und in der Schule und darüber hinaus den Lernerfolg bestimmen. Das will ich hier teilen.

September 2026 · Lesezeit etwa 7 Minuten

Schlechte Chancen, schwache Leistungen, sinkende Intelligenz, Abstieg – das ist die Begleitmusik zur PISA-Studie 2025. Sie klingt nach zweiter Fußball-Bundesliga. Deshalb greift Andreas Schleicher, OECD-Direktor für Bildung und Kompetenzen und einer der Köpfe hinter PISA, im Gespräch mit der FAZ zu diesem Bild und sagt: „Sie werden nicht sportlich, wenn Sie beim Sport nur zuschauen. So ist es auch beim Lernen. Es erfordert Anstrengungsbereitschaft (...).“

„Klar, Trainer!“, will man da rufen und an die Tafel stürmen. Aber jetzt mal sachte.

Vor der Anstrengung steht der Anspruch. Je weiter er über das bereits Beherrschte hinausführt, desto mehr fordert er mich. Der Anspruch setzt das Ziel. Er setzt auch die Distanz zwischen dem, was ich kenne und beherrsche, und dem, was ich erreichen soll. Da sind wir bei Schule. Welche Führungskultur lässt junge Menschen erfolgreich lernen? Hier ist meine Antwort.

Anspruch und Zuwendung

Frances Frei und Anne Morriss haben mein Verständnis von Führung mit ihrem Buch Unleashed geprägt. Ihr Ausgangspunkt ist einfach wie bestechend. Führung zeigt sich darin, ob sie andere Menschen erfolgreicher macht. Das war auch das Credo von Steve Jobs. Frei und Morriss zeigen, wie man es macht, und ihr Konzept ist nichts für schwache Nerven. Ihr Schlüssel zum Erfolg sind Love, Trust, Belonging.

Zu Schule passt es erstaunlich gut, auch wenn Wirtschaftswissenschaftlerin Frei und Unternehmenscoach Morriss in Unleashed Arbeit und nicht die Schule im Blick hatten. Weil wir aber fürs Leben lernen und nicht für die Schule, greifen wir in der Schule doch am besten hinein ins pralle Leben und lernen daraus.

Besonders interessiert mich der Begriff Love. Frei und Morriss verbinden darin hohe Standards mit einer tiefen Hingabe („devotion“) an den Erfolg des anderen. Ich spreche lieber von Zuwendung. Hingabe klingt für mich stärker, bisweilen auch religiös. Zuwendung kennt Maß und Abstufungen. Anspruch und Zuwendung bringen so für mich zwei Sätze zusammen: „Ich traue Dir das zu“ und „Dein Erfolg ist mir wichtig“.

Anspruch und Zuwendung gehören zusammen. Im Anspruch liegt bereits Zuwendung. Ich spreche einen Menschen an, etwas zu tun, weil ich es ihm zutraue. Und weil ich an seinem Erfolg interessiert bin, frage ich: Was fehlt? Was kann ich tun, damit Du erfolgreich sein kannst?

Genau diese Verbindung beschreibt auch Schleicher im Gespräch mit der ZEIT. Schülerinnen und Schüler erlebten zu selten, dass Lehrkräfte sich wirklich dafür interessieren, wer sie sind, und sie auf ihrem individuellen Weg begleiten. Erfolgreiche asiatische Bildungssysteme erwarteten zugleich von jedem Schüler gute Leistungen. In Japan erlebt Schleicher Lehrkräfte, die bei weniger Unterrichtsstunden umfassende Verantwortung übernehmen, auch für die sozialen Belange ihrer Schülerinnen und Schüler.

Zuwendung heißt für mich, den Anspruch hochzuhalten und den Menschen auf seinem Weg ernst zu nehmen. Daraus kann Vertrauen wachsen. Und Vertrauen stärkt die Bereitschaft, Verantwortung für den eigenen Erfolg zu übernehmen.

Willkommen in der Lernzone

Die Verbindung von Anspruch und Zuwendung lässt sich bildlich gut darstellen. Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School, hat dafür ein einfaches Modell. Sie verbindet hohe Leistungsstandards mit psychologischer Sicherheit. Wo beides hoch ist, liegt die Lernzone.

Das gefällt mir. Denn für Schule wird daraus etwas sehr Konkretes. „Ich verstehe das noch nicht.“ Das eigene Nichtwissen darf sichtbar werden, ohne dass daraus Beschämung entsteht. Der Gewinn entsteht erst im Zusammenspiel mit dem Anspruch. Der Anspruch bleibt hoch. Psychologische Sicherheit schafft den Raum, sich ihm zu stellen. So kann aus Offenheit Lernen werden. Jetzt kann Lernen beginnen. Edmondson beschreibt das Klima, ich spreche über die Haltung, die zum Klima beiträgt. Für mich ist das vor allem Zuwendung. Sie verbindet Vertrauen und Wertschätzung mit konkreter Unterstützung. Lehrkräfte führen in die Lernzone, indem sie den Anspruch hochhalten und zugewandt sind. So schaffen sie den Raum, in dem Menschen lernen, hohe Ansprüche zu erfüllen.















Vom Du zum Wir: Den Anspruch gemeinsam tragen

Bis hierhin geht es um die Übertragung von guter Führungskultur auf die Beziehung zwischen Lehrkraft und Lernendem. Aber Schule findet selten zu zweit statt. Lernen geschieht in Gemeinschaft. An dieser Stelle ist Googles Project Aristotle interessant. Google untersuchte 180 Teams und kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Für ihre Wirksamkeit war weniger entscheidend, wer zusammenkam, als wie die Menschen miteinander arbeiteten. Und da taucht sie wieder auf, die psychologische Sicherheit. Eine Schulklasse folgt einer anderen Logik als ein Arbeitsteam, aber in beiden stellt sich die Frage, wie aus einer Gruppe eine Gemeinschaft entsteht, in der Menschen einander besser machen.

Hier hat Belonging von Frei und Morriss seinen Platz. In Worten klingt das so. Ich gehöre dazu, ich werde gebraucht und wir tragen den Anspruch gemeinsam.

Interessanterweise weist PISA 2025 selbst in diese Richtung. Die OECD findet Zusammenhänge zwischen Zugehörigkeit, Unterstützung durch Lehrkräfte, Neugier und Ausdauer. Schülerinnen und Schüler suchen zudem Hilfe bei Gleichaltrigen, erklären einander Inhalte und unterstützen sich gegenseitig. Zugehörigkeit wird praktisch, wenn Schülerinnen und Schüler einander helfen und miteinander besser lernen.

Eine gute Lehrkraft führt deshalb einzelne junge Menschen in die Lernzone und prägt zugleich die Gemeinschaft, in der Lernen stattfindet.

Und was sagt uns PISA nun wirklich?

PISA misst, wo Schülerinnen und Schüler stehen. Es macht Unterschiede sichtbar und Entwicklungen vergleichbar. Das hilft beim Bildungsmanagement. Gutes Bildungsmanagement setzt Ressourcen effektiv ein und macht Fortschritt sichtbar. Gute Führung schafft die Kultur, in der Menschen daraus etwas machen können. Genau darin liegt für mich die Führungsfrage hinter PISA. Denn Lernen findet zwischen Menschen statt.

Dort entscheidet sich, ob ein hoher Anspruch als Zutrauen erlebt wird und ob jemand Unterstützung erfährt, wenn es schwierig wird. Fehler können zum Lernen gehören. Aus vielen Einzelnen kann eine Gemeinschaft entstehen, die den Anspruch miteinander trägt.

Am Ende beschreiben vier Sätze für mich Führung an Schule.

Ich erkenne Dein Potenzial.
Ich traue Dir das zu.
Dein Erfolg ist mir wichtig.
Du gehörst dazu.

Darin stecken Anspruch, Zuwendung und Gemeinschaft. Diese Kultur gehört ins Leben, vor und hinter dem Schultor.

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Quellen und weiterführende Links

OECD (2026). PISA 2025 Results (Volume I), Germany. Country note, 8. September 2026.

OECD (2026). PISA 2025 Results (Volume I), Kapitel 3 „Student attitudes towards learning“.

Frankfurter Allgemeine Zeitung. Uwe Ebbinghaus, „Das Bildungssystem in Deutschland verliert seinen Anspruch“. Interview mit Andreas Schleicher, 8. September 2026.

DIE ZEIT. Jeannette Otto und Martin Spiewak, „Die Bereitschaft, Leistung einzufordern, ist gesunken“. Interview mit Andreas Schleicher, 9. September 2026.

Frances X. Frei und Anne Morriss (2020). Unleashed. The Unapologetic Leader’s Guide to Empowering Everyone Around You. Harvard Business Review Press.

Amy C. Edmondson (2020). Die angstfreie Organisation. Wie Sie psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz für mehr Entwicklung, Lernen und Innovation schaffen. Verlag Franz Vahlen.

Google re:Work. Understand team effectiveness. Project Aristotle.

Abruf der Onlinequellen am 10. September 2026.

Vier Felder aus Anspruch und Zuwendung: Angst-, Lern-, Apathie- und Komfortzone
Vier Felder aus Anspruch und Zuwendung: Angst-, Lern-, Apathie- und Komfortzone

Abbildung: Übertragung der Modelle von Frances Frei/Anne Morriss und Amy C. Edmondson auf Anspruch und Zuwendung